Elder Mediation

Elder Mediation steht nicht nur für eine bestimmte Form der Konfliktbearbeitung, sondern auch für die Würdigung von Alter und Lebenserfahrung, für einen fairen und respektvollen Umgang mit älteren und hochbetagten Menschen und die Rücksichtnahme auf besondere, typischerweise in späten Lebensphasen auftretende Anforderungen. Die zu bearbeitenden Konflikte und Probleme, in denen der Aspekt Alter eine Rolle spielt, beschränken sich nicht auf den Lebensbereich Familie, sondern können ebenso z. B. im Arbeitsumfeld, in Wohngemeinschaften oder Pflegeeinrichtungen auftreten.

Definition und Entwicklung von Elder Mediation

Elder Mediation ist Mediation, bei der die MediandInnen Alter bzw. die Konsequenzen des Älterwerdens als ein Thema ihres Konfliktes wahrnehmen. Elder Mediation richtet sich an ältere Menschen und ihr Umfeld mit dem Ziel, Lösungen für konkrete Konflikte und sich abzeichnende Probleme zu finden. Oft sind dabei generationenübergreifende Systeme betroffen. Ein wichtiger Apekt von Elder Mediation ist die Entlastung und Stärkung bestehender Netzwerke.

Darüber hinaus kann Elder Medaition vielfach präventiv eingesetzt werden, denn manche Themen werden von Mitgliedern eines sozialen Systems bereits als Problem wahrgenommen ehe eine akute Krisensituation entsteht. Beispiele sind die Sorge der Kinder, wenn der Vater noch im hohen Alter Auto fährt, zwar noch kein Unfall passiert ist, aber die Angst davor da ist, oder wenn durch die beginnende Demenzerkrankung eines Elternteils Angehörige Sorge haben, dass die betagten (Groß-)Eltern bald nicht mehr ohne Hilfe zu Hause klar kommen werden. Hier kann schon bevor die Situationen eskalieren mit mediativer Begleitung gemeinsam nach guten Lösungen für die Zukunft gesucht werden.

Anmerkungen:

  • Bewusst wird darauf verzichtet, Alter anhand der Anzahl der gelebten Jahre eines Beteiligten zu definieren. Der Vorgang des Alterns verläuft individuell sehr unterschiedlich und seine  Wahrnehmung  ist stark von subjektivem Empfinden geprägt.
  • Da Elder Mediation nicht ausschließlich im Familien- oder im Kollegenkreis stattfindet, wird der neutrale Fachbegriff »System« verwendet.

Elder Mediation (EM) hat ihre Ursprünge in Kanada, wo in den 1990er Jahren Ansätze entwickelt wurden, um Familien mit an Demenz erkrankten Angehörigen zu entlasten und Konflikte in der Pflege zu klären. Dort und in den USA hat sich EM inzwischen als spezielle Qualifikation für Mediatoren etabliert. Außerdem ist von diesen Ländern ausgehend ein internationales Netzwerk (EMIN) entstanden, das spezielle Berufsregeln für Mediatoren aufgestellt hat, die auf diesem Gebiet tätig sind. Die achte Fassung des „EMIN Code of Ethics for Elder Mediators“ wurde im November 2016 veröffentlicht (s. http://elder-mediation-international.net/code-professional-conduct/, dort auch deutsche Übersetzung der fünften Fassung vom Juni 2015). Auch wir sehen diese Berufsregeln als Richtschnur für unsere Tätigkeit an.

Anwendungsfelder von Elder Mediation

Die folgende, nicht abgeschlossene Liste führt Fälle und Konstellationen auf, in denen der Einsatz von Elder Mediation sinnvoll erscheint:

Mediationen im familiären Umfeld

  • Generationenübergreifende Konflikte in Familien
  • Paarkonflikte beim Übergang in den Ruhestand oder die Lebensgestaltung nach der beruflich aktiven Phase
  • Häusliche Pflege
  • Präventive Gespräche zur aktiven (Mit-)Gestaltung der nächsten Lebensphasen

Mediationen zu Problemen in der Pflege oder zu Fragen der medizinischen Behandlung

  • Konflikte in der ambulanten und stationären Pflege
  • Gute gemeinsame Entscheidungen treffen (Sonde legen oder nicht?)

Mediationen mit Bezug auf das Wohnumfeld

  • Konflikte in Senioren -WGs
  • Generationenübergreifende Wohnprojekte
  • Konflikte in Senioren- und Pflegeeinrichtungen

Mediationen am Arbeitsplatz

  • Generationenübergreifende Teams in Organisationen
  • Altersdiskriminierung in Organisationen
  • Krisensituationen durch Krankheit/Trauer

Mediationen mit rechtlichem Bezug

  • Konflikte zwischen Selbstbestimmung und rechtlicher Betreuung (§§ 1896 - 1908 k BGB)
  • Erbschaft, Regelung von Nachlässen
  • Unternehmensnachfolge

Die obige Liste zeigt, dass einige Themen der Elder Mediation in der Mediationslandschaft nicht neu sind. Erbschaft und Unternehmensnachfolge sind zum Beispiel bereits seit vielen Jahren typische Anwendungsfelder von Mediation. Sie werden bisher in der Familienmediation oder in der Wirtschaftsmediation verortet. Elder Mediation hat deshalb (mindestens) mit diesen beiden Mediationsbereichen Schnittmengen. Gleichzeitig bildet sich Elder Mediation jedoch auch als eigenständiges Fachgebiet heraus, was durch die nachfolgende Beschreibung der besonderen Anforderungen an MediatorInnen deutlich wird.

Anforderungen an MediatorInnen

Anforderungen an MediatorInnen

Fachkenntnisse zum Umgang mit älteren Menschen

MediatorInnen sollten über Kenntnisse aus dem Bereich der Gerontologie verfügen und ausgewählte Methoden aus der Altenpflege oder -hilfe selbst anwenden können. Dies sind zum Beispiel:

  • Kenntnisse der Entwicklungspsychologie im Alter
  • Kenntnisse über Altersprozesse, typische Krankheiten und Krankheitsverläufe
  • Angemessenheit der Sprache, Gesprächsführung und der Darstellungsformen in der Mediation (z.B. besonders große, deutliche Schrift)
  • Biografiearbeit
  • Umgang mit Trauer und Tod
  • Kenntnisse der Palliativbegleitung
  • Grundkenntnisse psychischer Störungen, psychiatrischer Erkrankungen, Demenz
  • Validation als Gesprächstechnik
  • Bereitschaft die Mediation an unterschiedlichen Orten durchzuführen (Fahrwege, z.B. wenn MediandInnen nicht mehr mobil sind)

Fachkenntnisse zu Möglichkeiten der Altenunterstützung
MediatorInnen sollten entweder selbst grundlegende Kenntnisse darüber haben, welche Möglichkeiten der Versorgungssysteme für ältere Menschen oder Formen der Altenhilfe es in Deutschland gibt oder sie sollten über ein Netzwerk verfügen, das ihnen im konkreten Fall beratend zur Seite stehen kann. 

Notwendig sind zum Beispiel Kenntnisse über alternative Wohn- und Pflegemöglichkeiten (z.B. Pflege zu Hause durch ambulante Pflegedienste, Angestellte oder Angehörige, betreutes Wohnen, Pflege im Heim, Senioren-WGs, etc) und die damit verbundenen Konsequenzen (Finanzierung, psychische Belastung der Angehörigen, rechtliche Aspekte...).
Neben der Wohnumfeldgestaltung geht es um zahlreiche weitere Formen der Unterstützung, die den älteren Menschen eine möglichst umfassende und ihren Wünschen entsprechende Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen sollen.

Besonderheiten von Elder Mediation

Eine besondere Aufgabe der Mediatorin/des Mediators im Fachgebiet Elder Mediation ist es, sicher zu stellen, dass auch Beteiligte mit altersbedingten Einschränkungen die Möglichkeit haben, an der Mediation aktiv teilzunehmen oder durch geeignete Unterstützung befähigt werden, ihre Interessen einzubringen.

Dazu sind zwei Grundvoraussetzungen zu beachten: Zunächst müssen alle MediandInnen in der Lage sein, dem Verfahren zu folgen. Das Verfahren muss entsprechend angepasst werden (zum Beispiel durch häufigere Pausen, die Wahl einer angemessenen Sprache oder die Verwendung von Tafeln mit besonders großer Schrift). Sollte der Eindruck entstehen, dass ein Mediand/eine Mediandin dem Verfahren nicht folgen kann, so muss der Mediator/die Mediatorin das Verfahren ändern oder letztlich sogar den Abbruch in Betracht ziehen.

Außerdem achten MediatorInnen besonders darauf, dass Personen mit eingeschränkter Ausdrucksfähigkeit (z.B. durch Demenz im Anfangsstadium, Schlaganfall) ausreichend Raum erhalten, um ihre Interessen darlegen zu können. Möglicherweise kann eine Vertrauensperson gefunden werden, die als Sprecher des Betroffenen auftritt. Falls kein Sprecher gefunden wird oder gewünscht wird, übernimmt die Mediatorin / der Mediator eine Verantwortung für die Rechte dieser Personen, was zu einem Konflikt im Hinblick auf die Allparteilichkeit führen kann. Die Mediatorin/der Mediator sollte sich im Vorfeld der Mediation mit dem Thema Allparteilichkeit und deren Grenzen nochmals gezielt auseinandersetzen. Es erscheint sinnvoll, auftretende (innere) Allparteilichkeitskonflikte der Mediatorin /des Mediators mit den MediandInnen zu besprechen.

Typisch für Elder Mediation ist, dass häufig mehr als zwei MediandInnen an der Mediation teilnehmen. Es kommen zum Beispiel die Bewohner einer Senioren-WG, fünf Betroffene eines Familiensystems oder ein generationenübergreifendes Team. MediatorInnen sollten deshalb Kenntnisse in Gruppendynamik und -mediation haben.

Besonderheiten von Elder Mediation

Vernetzung

Elder MediatorInnen benötigen eine große Bandbreite an Kenntnissen und Fähigkeiten. Sie pflegen deshalb unter anderem Austausch und Vernetzung mit MediatorInnen aus anderen Fachbereichen sowie mit VertreterInnen von anderen Berufsgruppen, aus Wissenschaft und Fachverbänden. Der Austausch kann zum Beispiel in Form von Co-Mediationen, Experten-Konsultationen oder gemeinsam organisierten Weiterbildungen erfolgen. Ziel ist es, interdisziplinär vorhandenes Wissen so zu bündeln, dass MediandInnen bestmöglich begleitet werden können. Damit wird gleichzeitig eine größtmögliche Teilhabe von älteren Menschen an unserer Gesellschaft möglich.